Neunzehn Weihnachtsgeschichten

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2001
Vor langer Zeit lebte ein armes Kind in einem fernen Land. Ganz allein wohnte es in einer kleinen Hütte im Wald. Es aß die Früchte des Waldes und trank klares  Wasser aus einer Quelle. Das Kind lebte glücklich und zufrieden, denn es kannte nichts anderes. Am Tag spielte es mit den Tieren und in der Nacht bewachten Wolf und Eule seinen Schlaf.
Doch einmal im Jahr, am Tag, da die Dunkelheit am längsten währte, wurde es sehr traurig. Die Menschen in den Dörfern und Städten trafen sich in dieser Nacht, sie aßen zusammen und lachten und freuten sich. All überall zündete man Kerzen an und große Feuer wurden entfacht auf Wiesen und Feldern. Das arme Kind hatte keine Kerzen und auch kein Feuer. Darum weinte es bitterlich und war untröstlich.
Nun aber geschah es eines Nachts, dass das Kind Besuch bekam von einer freundlichen Fee. Die Fee hatte das Weinen gehört, dort drüben im Feenreich. Sie hatte ein gutes Herz, voller Mitgefühl und Liebe, und einen silbernen Zauberstab hatte sie auch. Zum Trost brachte sie dem weinenden Kind Apfel, Nuss und Mandelkern und drei Wunschringe dazu. Dann küsste sie das Kind zärtlich auf die Stirn und flog zurück in ihr eigenes Land. Das Kind steckte den ersten der Ringe an seinen kleinen Finger und drehte ihn. Nebel senkte sich herab, alsbald fortgeblasen von einem heftigen Windstoß und dann sah das Kind, dass sein erster Wunsch in Erfüllung gegangen war.
Die alte Hütte war verschwunden und stattdessen stand da nun ein stattliches Haus, gemütlich und fein. In der Küche stand die Köchin und machte heiße Schokolade und ein Großmütterchen las dem Kind Geschichten vor. Da lachte das Kind und freute sich. In jedem Zimmer brannten Kerzen und erhellten die Dunkelheit. Noch in derselben Nacht steckte das Kind den zweiten Wunschring es an seinen Finger, drehte ihn und wünschte sich was. Doch war dies ein seltsamer Wunsch, denn er galt allein dem dritten Wunschring. Als es übers Jahr wieder Winter  geworden und die längste Nacht des Jahres angebrochen war, drehte das Kind den dritten Ring. Und dann ging auch sein letzter Wunsch in Erfüllung. Der Wunsch war wohlgetan und brachte dem Kind einen großen Tannenbaum, geschmückt mit Kerzen und Zuckerstangen und darunter, eingepackt in buntes Papier, lagen Geschenke für das Kind. Sein Herz erfüllte sich mit Freude und Frohsinn und es jauchzte und sang so schön, dass die Engel des Himmels herbeikamen um zu lauschen. Und so wie es dem Kind in dieser Nacht erging, so erging es allen Kindern und alle Jahre wieder.

2002
Die Kinder wollten dieses Jahr etwas ganz Besonderes zu Weihnachten. Lange und gründlich, so wie es die Art von Kindern ist, dachten sie darüber nach. Als sie es endlich hatten, lachten sie laut und flüsterten leise.
„Wir wünschen uns das Christkind, das hat noch niemand bekommen, und dann ist jeden Tag Weihnachten, außer an den Geburtstagen natürlich.“ So hörten die Erwachsenen sie wispern. Sie schmunzelten ein wenig und flüsterten ebenfalls:
„Das weiß doch jedes Kind, dass es Weihnachtsmann und Christkind nicht gibt! Man hat sie erfunden, damit die Kaufhäuser mehr Umsatz machen.“
„Das ist nicht wahr!“, riefen die Kinder empört, als sie diesen Unsinn hörten. „Immer im Dezember kommt es mit seinem goldenen Sternenraumschiff vom Weihnachtsplaneten über die Milchstraße zu uns auf die Erde gedüst. Man muss nur um Mitternacht aus dem Fenster sehen und mit einem roten Stern winken, dann schaltet sich der Transporter ein und man wird hochgebeamt. Feurige Drachen mit weißglänzenden Schuppenflügeln begleiten es. Sie beschützen das Christkind, und wenn die Bösen kommen, schleudern sie denen Turbo-Laserblitze entgegen. Innen im Raumschiff gibt es eine Wisslichkeits-Maschine, damit das Christkind ganz genau weiß, was man sich wünscht. Man steckt seine Hände in die Maschine und kurz danach bekommt man das tollste Geschenk, das man sich nur vorstellen kann. Man kann aber auch ein eigenes kleines Raumschiff bekommen und darf damit im Weltall herumfliegen. Das ist cool.“
Die Erwachsenen glaubten natürlich kein Wort. Sie waren sogar entsetzt und ziemlich ratlos und sprachen mit der Polizei und Kinderpsychologen, denn sie wollten einfach nicht glauben, dass die supercoolen Wow!-Spielzeuge unter den Kopfkissen tatsächlich vom Christkind waren. Aber es war wirklich so, denn nirgendwo fehlte in einem Kaufhaus auch nur ein Stück.

2003
Wieder einmal war es Winter geworden, wieder einmal machte sich das Christkind in seinem goldglänzenden Sternenschiff auf die weite Reise zur Welt der Menschen. Pünktlich zur Wintersonnwende erreichte es sein Ziel. Kometengleich zischte es am Himmel entlang, doch kein Mensch war weit & breit, um dieses Wunder zu betrachten. Das Stopfen von Haushaltslöchern und Bildungslücken erforderte vollste Aufmerksamkeit. Was zählte da ein Blick in den Himmel? Es gab nichts, wo nicht noch gespart werden konnte. Die Ungewissheit der Zukunft lastete nicht weniger schwer, als die Fehler der Vergangenheit, und nicht Wenige verzweifelten an der Gegenwart. Freude & Trubel, Scherz & Gesang, Lametta & Kugeln, all das war vergessen und keine einzige Kerze war angezündet worden. Kein Licht erhellte die Dunkelheit dieser Nacht.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!?“, rief das Christkind empört, denn dies war der erbärmlichste Empfang, der ihm jemals bereitet worden war. Es wollte schon umkehren, der Welt den Rücken drehen, sie vergessen für immer & ewig. Doch ein gefallener Engel legte ein gutes Wort ein und das Christkind besann sich eines anderen. „Jetzt erst recht!“, rief es und „So soll es sein!“, und  öffnete die Luken.
Ein Geruch nach Zuckermandeln & Lebkuchen, nach Rosenwasser & Sandelholz, nach Gesottenem & Gebratenem kitzelte die Nasen der Menschen und riss sie aus ihrem Trott. Tannenzweige fielen vom Himmel, Lametta aus Gold und Silber und Kugeln aus zerbrechlichem Glas. Überirdisch schöner Gesang schlüpfte zart zum Ohr hinein und wärmte die Seele. Das Christkind, nicht faul, ließ zwischen seinen Händen eine Kugel aus goldenem Licht erscheinen und schleuderte sie fort mit aller Kraft. Noch im Flug zerbrach die Kugel und das Glück strömte heraus, fiel wie Schnee vom Himmel, und erfüllte  die Herzen der Menschen mit Frohsinn und Zuversicht. Das Christkind, zufrieden mit seinem Werk, verschwand mitsamt den singenden Engeln in den geheimnisvollen Weiten des Weltalls. Die mit Rubinen besetzten Sonnensegel funkelten im Licht der Sterne wie feurige Blumen. Es war auch dies ein wunderbares Schauspiel, doch wieder sah niemand zum Himmel hinauf. Gänsekeule und Geschenke waren ungleich wichtiger, denn es war Weihnachten. Doch manch einer fühlte tief im Herzen die schreckliche Wahrheit: Sie waren grade noch mal davongekommen.

2004
Wieder einmal war es Weihnachten geworden … doch das Christkind kam nicht in Stimmung – da mochten die Engel noch so singen und die Zimtsterne noch so duften. Also ließ es die Engel so schön singen wie sie wollten und die Zimtsterne duften und machte sich ganz allein auf die Reise zu der Welt der Menschen. Es flog auf einer Wolke wie auf einem fliegenden Teppich und schon bald hatte es die Erdatmosphäre erreicht.
Mit einem Mal hörte es ein Wimmern und ein Klagen – es waren Kinder, und sie weinten. Das Christkind hielt an und hörte aufmerksam zu. Die weinenden Kinder hatten Angst oder Schmerzen, Hunger oder Durst. Sie hatten ihre Familien verloren durch Krieg oder Trennung. Sie weinten, weil es zu kalt war oder zu heiß, weil sie traurig waren oder unglücklich, weil das Geld fehlte für Schulbücher oder Spielsachen. Jedes Kind weinte aus einem anderen Grund und für jedes war es ganz besonders schlimm. Dem Christkind wurde immer schwerer ums Herz. Am Schluss fing es gar selbst zu weinen an.
Nun aber geschah ein Wunder. Ein Engel, der dem Christkind gefolgt war, breitete seine wunderbaren Flügel aus, nahm es in die Arme und tröstete das schluchzende Kind. Es weinte noch eine ganze Weile, doch schließlich konnte es wieder lachen. Da fasste es einen klugen Entschluss: Dieses Jahr sollten die Erwachsenen die Geschenke für die Kinder selber kaufen und Weihnachten feiern, so gut oder schlecht es eben ging. Das Christkind selbst hatte genug von dem ganzen Schlamassel. Dieses eine einzige Mal würde es sich frei nehmen, würde Urlaub machen auf einem anderen Planeten, irgendwo, wo gerade kein Weihnachten stattfand. An seiner Stelle würden die Engel kommen. Zahlreich wie Schneeflocken und ebenso leise würden sie in der Heiligen Nacht herabschweben zur Erde. Engel, so viele wie nötig, damit jedes Lebewesen auf Erden zu Weihnachten von einem Engel getröstet werden konnte. Als alles zu seiner Zufriedenheit organisiert war, schaltete das Christkind sein Weihnachtsmobiltelefon aus und schwebte auf seiner Wolke davon.

2005
Dunkel war es draußen und kalt. Hänsel und Gretel standen mitten im Wald und zogen sich die Mützen tief ins Gesicht.
„Verlässt du mich nicht, so verlass ich dich nicht“, sprach Gretel und sah zum Himmel hinauf, „wenn der Mond erst aufgegangen ist, dann finden wir den Weg“.
„Nein“, erwiderte Hänsel und nahm Gretels Hand, „heute kommt der Mond nicht, wir werden den Weg nicht finden und jämmerlich erfrieren.“ So standen sie eine lange Zeit. Die Kälte spürten sie nicht mehr. Die Stille wurde immer lauter und die Dunkelheit immer dunkler. Dann und wann blinkte ein Stern, mehr nicht. Alle Hoffnung war verloren.
Mit einem Mal jedoch begann unter den Tannen der Schnee zu glitzern. Ein silbernes Leuchten glitt an den Stämmen hinauf und hüllte nach und nach die Tannen in einen glänzenden Schimmer – bis hinauf zur obersten Spitze. Feines Glöckchengebimmel erklang, vermischt mit wunderbarem Gesang. Glitzernde Schneewolken staubten von den Tannenwipfeln auf. Einen Augenblick später landete stampfend und schnaubend ein prächtiges Pferd, die gewaltigen Flügel steil nach oben gerichtet. Alles an ihm war blau, zuckerwattenhimmelblau, nur die Augen waren grün wie Smaragd. Zwischen den Flügeln saß das Christkind, grinste und drehte sein Base-Cap andersrum.
„Was guckt ihr? Noch nie ein Pferd gesehen? Los steigt auf, ich bin gekommen um euch den Weg zu zeigen!“ Es war Gretel, die zuerst aus der Erstarrung erwachte, und den mit offenem Mund staunenden Hänsel hinter sich herzog. Das Christkind ließ eine goldene Strickleiter hinunter; so gelang der Aufstieg mühelos. Das Christkind drehte sein Base-Cap wieder andersrum und schnalzte. Das Pferd hob wiehernd den Kopf und stemmte die gewaltigen Flügel nach unten und dann wieder nach oben und im nächsten Augenblick flogen sie hoch über dem Wald. Jetzt konnten sie den Weg gut sehen. Erst schmal, wenig mehr als ein dünnes Fädchen in der Dunkelheit. Doch mit jedem Flügelschlag wurde dieses Fädchen breiter und kräftiger, bis es schließlich zu einem guten, soliden Weg geworden war. Mit jedem Flügelschlag flog das zuckerwattenhimmelblaue Pferd höher in den Himmel hinauf. Oben angekommen legte das Pferd seine Schwingen an und heißa! hossa! ging es im Sturzflug nach unten. Alle drei kreischten was die Kehle hergab. Von einer Sekunde zur anderen bremste das Pferd. Hänsel und Gretel flogen ihn hohem Bogen, direkt in den dicken, fetten Schneehaufen vor ihrer Haustür. Superschnell rappelten sie sich auf und traten ein.
„Cool“, sagte Gretel. Ein O-Tannenbaum stand mitten im Zimmer und war prächtig geschmückt. Es duftete nach Bratäpfeln, Gebäck und Bienenwachs: Wieder einmal war es Weihnachten geworden - so wie es immer Licht gibt inmitten der Dunkelheit, auch wenn man es manchmal nicht glauben mag.

2006
Alles war, wie es sein sollte: Der Baum geschmückt, die Geschenke lagen darunter, es roch nach Zimt und Bratäpfeln. Das Dreigestirn glänzte am Himmel und puderte den Schnee rosarot. Das Glöckchen hatte schon einmal gebimmelt. Doch wo war Marie?
Marie saß auf ihrem Schneepony und ritt nach Süden, immerzu nach Süden. Sie war unterwegs um dem Christkind zu helfen, denn das Christkind war in Not, es konnte nicht kommen, das wusste sie ganz genau, und nur sie allein. Sie musste helfen, denn sein Glanz erst machte Weihnachten zu etwas Besonderem. Was waren all die Geschenke und das gute Essen ohne diesen Glanz? Ab und an hielt sie die Nase in die Luft und schnupperte. Ja, sie musste ihm helfen. Alle anderen hätten sie ausgelacht, niemand glaubte mehr ans Christkind, das war für kleine Kinder. Nach einer geraumen Weile gelangte Marie an eine einsame Burg mitten auf dem Feld. Wolken verdeckten das Dreigestirn und die Nacht war dunkel wie nie. Das Tor hing schief in den Angeln, gerade so weit offen, dass sie sich mit ihrem Pony durchquetschen konnte. Am Ende des Torbogens erwartete sie eine andere Welt. Stürmischer Wind peitschte Nebelschwaden durch die Luft, spitze Pfeiler aus Eis standen dicht an dicht. Beide Hände in die Mähne gekrallt irrte sie dort umher, hatte die Fährte längst verloren. Es war das schließlich Pony, das das Christkind fand. Zusammengesunken kauerte es am Boden, ganz klein war es, fast durchsichtig. Es hielt ein Herz in der Hand und hatte sich erschöpft bei dem Versuch, dessen Fesseln zu brechen. Marie erkannte sofort, was getan werden musste. Sie glitt vom Pony, kniete sich auf den Boden, konzentrierte sich mit aller Macht und schleuderte ein mächtiges KameHameHa. Das hatte sie letzten Sommer von SonGoku gelernt. Die Kette zerbrach und rasselte klirrend zu Boden. Das Herz verschwand und an seiner Statt erblühte eine weiße Rose. Und so wie die Rose erblühte, so erblühte auch das Christkind und gewann seine wahre Gestalt zurück. „Liebe Marie“, sprach das Christkind und lächelte, „hab Dank für deine Hilfe, ich alleine hätte es nicht geschafft, doch kein Herz soll Weihnachten in Ketten liegen, sondern froh & munter sein und friedvoll. Liebe Marie, nimm diese Rose zum Dank“.
„Marie ist hier“, schrie Paul, „sie ist hier draußen, sie rührt sich nicht und schaut immerzu nach Süden“. „Marie“, rief Linda und schüttelte sie am Arm, „Mensch, wach auf, komm rein, du holst dir sonst einen Schnupfen.“ „Was hast du denn da?“, wunderte sich Karl. „Das ist eine Rose, die hat mir das Christkind geschenkt, weil ich ihm geholfen habe“, sagte Marie. „Ja, ja, ja doch“, lachten die anderen im Chor, doch im Geheimen wollten sie so gerne glauben, dass es wahr wäre.

2007
WEIFO2007 1Funkelnd wie ein Stern glitt das goldene Raumschiff auf seinem Weg zur Erde durch die unendlichen Weiten des Weltalls. Im Raumschiff roch es herrlich nach Zuckermandeln & Lebkuchen, nach Rosenwasser & Sandelholz, nach frischem Tannengrün & Bratäpfeln. Überall glitzerte und funkelte es, Kugeln aus zerbrechlichem Glas hingen von der Decke herab, rubinrot mit goldenen Sprenkeln. Zwischen all der Pracht schwebte der Weihnachtszauber, ein wundersamer Segen, der die Macht hatte, Herz & Seele zu erhellen, kurz, die reinste Freude und das Beste an Weihnachten. Natürlich gab es auch jede Menge Geschenke im Laderaum, manches recht schön & geheimnisvoll, aber auch vieles, das sich das Christkind, wäre es ein Mensch und hätte Weihnachtswünsche frei, niemals gewünscht hätte. So ändern sich eben Zeiten und Wünsche, dachte das Christkind, aber der Weihnachtszauber, der bleibt ewig gleich. Die mitreisenden Engel stimmten ihren Gesang an und das Christkind wäre fast zerflossen vor Glück, wäre nicht gerade in diesem Augenblick das Raumschiff mit einem Ruck zum Stillstand gekommen. Die Engel hörten auf zu singen und griffen nach den Flammenschwertern, denn das goldene Raumschiff steckte in einer Dimensionsfalle erster Güte. Ein Spalt tat sich auf in der Hülle und ein 12-köpfiger Drache mit geifernden Mäulern flog herein. Er war recht klein, stank aber fürchteWEIFO2007 2rlich. „Los, rück alles raus“, brüllte der Drache, „sonst fress’ ich dich.“ „Nein“, antworte das Christkind, „das sind Weihnachtsgeschenke, sie sind nicht für dich bestimmt.“ Der Drache schüttelte wild seine 12 Köpfe. „Ich bin ein Drache und bekomme immer, was ich will.“ „Nein“, widersprach das Christkind freundlich aber bestimmt, „diesmal nicht. Aber wenn du brav bist, schenke ich dir etwas.“ „Und ich fress’ dich doch“, spottete der Drache, „und dann bekomme ich alles, du dummes Kind.“ „Reich mir bitte deine Tatze“, bat das Christkind höflich, „oder auch beide, wenn du dich nicht entscheiden kannst!“
Der Drache hätte das selbstverständlich nie gemacht, aber vor den Flammenschwertern der Engel hatte er Respekt. Gehorsam hielt er die Tatze hin und das Christkind ließ eine Portion vom Weihnachtszauber hineingleiten. Es wirkte sofort. Der Drache begann zu glänzen und zu duften wie ein junger Gott – es war eine wahre Pracht. „Fröhliche Weihnachten“, rief das Christkind lachend. Der Drache rieb sich verdutzt den Kopf, einen nach dem anderen. Obgleich er das Gefühl hatte, fürchterlich reingelegt worden zu sein, fühlte er sich so wohl wie nie zuvor in seinem Leben. Lauthals singend flog er davon. Der Spalt im Raumschiff schloss sich, die Dimensionsfalle schnappte auf und das goldene Raumschiff konnte endlich seine Reise fortsetzen, was auch gut war, denn auf Erden weihnachtete es schon sehr.

2008
WEIFO2008 In der Nacht hatte es geschneit und als am Morgen die Sonne aufging, war ein Funkeln und Glitzern allüberall in der Stadt. Die Menschen zogen in Scharen hinaus zu den Hügeln vor den Toren der Stadt; einzig Sam und Isa blieben zuhaus. Kinder und jung gebliebene Erwachsene sausten mit ihren Schlitten die Hügel hinab, dass der Schnee nur so aufstäubte. Wer es geruhsamer mochte, glitt auf der Eisbahn zu leisen Walzerklängen dahin. Es duftete nach Bratäpfeln und Maroni, aus den Kesseln mit Glühwein und Zuckermandeln dampfte es mächtig. Mit Einbruch der Dämmerung leerten sich die Hügel und es wurde still. Ein paar mutige Rehe und Hasen traten zwischen den Bäumen hervor und naschten die heruntergefallenen Maroni.
Mittlerweile war es völlig dunkel geworden, Glocken läuteten, in den Häusern wurden Kerzen angezündet und die Familien versammelten sich in den guten Stuben, um Weihnachten zu feiern. Einzig Isa und Sam hockten in ihren Zimmern und starrten gebannt auf den Bildschirm.
„Isa!“, rief die Mutter, „komm, es ist soweit!“ „Gleich“, antworte Isa geistesabwesend, „ich muss nur noch …“ „Sam!“, rief der Vater, „komm zu uns, wir fangen an!“ „Ja gleich“, murmelte Sam, „ich muss noch schnell …“
Sam und Isa rührten sich nicht. Die Welt hinter dem Bildschirm hielt sie gefangen. Sam und Isa, gleichwohl Kampfgenossen bei der Verteidigung LIURIAS, kannten sich nicht wirklich, denn Sam wohnte im Eschenweg Nr. 12 und Isa in der Nr. 11. Sam und Isa kannten in Wirklichkeit überhaupt kaum jemand. Sie opferten als Madak und Crak jede freie Minute der Verteidigung LIURIAS, dessen Grenzen unentwegt von mordlustigen Orks überrannt wurden. „Sam“ rief es im Eschenweg Nr. 12 und „Isa“ in der Nummer 11. Sam und Isa rührten sich nicht. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt einer Raumkapsel, die mit einem mächtigen Rums vom Himmel gefallen war. Eine neue Taktik der Orks? Madak und Crak wechselten sofort in den TN-alpha-Modus und ballerten los. Der Balken für die Kampfenergie sank rapide ab, ihre Lebensenergie reduzierte sich auf ein Minimum. Wie jetzt? Was? Sämtliche Bewegungsaktivitäten waren plötzlich funktionslos, der Recrations-Modus inaktiv, das LogOut blockiert. Madak und Crak waren reaktionsunfähig. Ein Programmierfehler? Da sprang die Kapsel auf - es war, als öffnete sich eine Tulpenblüte im Zeitraffer - und gab den Blick frei auf einen Samurai in voller Kampfmontur, oder war es ein Engel?, denn er hatte ein stattliches Flügelpaar auf dem Rücken. „Game over, Isa! Game over Sam!“, rief er dröhnend und schaute grimmig. Sam und Isa sank das Herz, ihr Puls raste, ihre Gedanken überschlugen sich. Die Echtnamen? Hier? „Los, verschwindet! Ich beschütze jetzt LIURIAS! Geht nach Hause!“, rief er und lachte. „Geht nach Hause! Es ist doch Weihnachten!“ Der Samurai-Engel machte eine Handbewegung, das LogOut funktionierte wieder, Madak und Crak gingen in die Ruheposition, der Bildschirm verblasste, der PC schaltete sich aus.
„Schon da!“, riefen Sam und Isa wie aus einem Munde und „fröhliche Weihnachten!“

2009
WEIFO2009 „Endlich Weihnachten!“, rief ein Kind ganz aufgeregt einem anderen zu … Klar doch, dachte Mari, und das schon seit September. Sie sah den beiden Kindern versonnen nach bevor ihr Blick auf den Weihnachtsbaum in einem Schaufenster fiel. Ein schöner Baum, mit roten, goldverzierten Glaskugeln. Sie lächelte. Glaskugelrot und ein Gefühl wie Sehnsucht und mehr. In diesem Augenblick bedauerte sie, keinen Baum aufgestellt zu haben. Nun war es zu spät. Die Tannenbäume waren ausverkauft. Und sie selbst befand sich von weihnachtlicher Stimmung Lichtjahre entfernt. Wo war er nur geblieben, fragte sie sich melancholisch, der Weihnachtszauber?
Die Kirchturmuhr schlug fünf. Es fing an zu nieseln. Die meisten Buden auf dem Weihnachtsmarkt waren schon geschlossen, dennoch herrschte dichtes Gedränge. Hatten all diese Leute kein Zuhause? Waren auch sie Weihnachten alleine? Mari bog links ab und stolperte über achtlos hingeworfenes Tannengrün. Das Geschnatter und Gedudel auf dem Weihnachtsmarkt verstummte. Hier war es dunkel und still. Im Hintergrund lediglich das Motorbrummen auf der Hauptverkehrsstraße, lauter als gewöhnlich, mehr wie eine Autobahn, schlimmer noch, als wäre da vorne ein Flughafen. Automatisch schaute Mari zum Himmel hinauf und genau in diesem Moment fiel ein Stern vom Himmel. Mari schaute gebannt, unfähig, einen weiteren Schritt zu tun. Der Stern wurde im Tiefersinken rasch größer und landete schließlich als mondgolden schimmernde Kugel direkt vor Maris Füßen.
Ein Ufo! Mari schwankte zwischen Hysterie und Ohnmacht. Halb erwartete sie, dass kleine grüne Männchen herausspringen würden. Doch es war das Christkind, das in der sich öffnenden Luke auftauchte und freundlich lächelte. Es sah aus und lächelte genauso, wie sich Mari früher immer vorgestellt hatte, dass das Christkind aussehen würde. „Komm rein Mari, schnell“, drängte das Christkind mit sanfter Stimme. „Die Chimären haben sich hier verschanzt. Du bist mitten in eine Temporale Paradoxie hineingestolpert. Wir müssen sofort weg, sonst ist es aus mit Weihnachten und zwar für immer.“ Ja wenn das so ist, dachte Mari und trat ein - mitten hinein ins Weihnachtswunder, obwohl nichts weiter zu sehen war als die mondgoldenen, gekrümmten Wände, die den Blick verwirrten und leicht vibrierten. Mari wurde das Herz ganz leicht, denn da, wo das Christkind ist, da ist Weihnachten.
Die Kirchturmuhr schlug fünf. Mari stand vor ihrer Haustür und kramte nach dem Schlüssel als sich ganz sachte eine Schneeflocke auf ihre Nasenspitze setzte. Im selben Moment wurde die Haustür von innen geöffnet.
„Joe!“, stammelte Mari. „Fröhliche Weihnachten, Mari!“ Joe grinste breit, nahm ihre Hand und führte sie ins Wohnzimmer, da stand der Weihnachtsbaum mit roten, goldverzierten Glaskugeln, eine schöner als die andere und die Lichter der Kerzen spiegelten sich darin. Ja, dachte Mari, jetzt ist wirklich Weihnachten.

2010
WB 2010Das Mädchen, in einen Mantel aus allerlei Pelz gehüllt, lag zusammengerollt in einem hohlen Baum wie ein wildes Tier. Der Mantel und eine Nuss mit drei Kleidern darinnen waren alles, was sie noch hatte aus ihrem früheren Leben. Kalt war ihr nicht, der Mantel hielt sie warm, aber hungrig war sie, und das schon seit Tagen. Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, wäre längst eine Jagdgesellschaft gekommen und hätte sie mitgenommen zum nächsten Schloss. Aber niemand war gekommen, den ganzen Sommer über nicht und nicht ihm Herbst und jetzt im Winter würde erst recht niemand mehr kommen.
Einen Augenblick lang dachte sie, die Sonne sei aufgegangen mitten in der Nacht, so hell war es geworden. Aber es war nicht die Sonne, es war das Christkind, das lächelte und sprach:
„Die Zeit des Wartens ist vorüber und die Zeit der Taten ist gekommen. Räuber haben den Prinzen gefangen genommen und du musst ihn retten.“ „Wie jetzt?“, fragte das Mädchen. „Wenn etwas getan werden muss“, antwortete das Christkind, „dann muss es getan werden. Du warst einst eine Prinzessin, du musst es tun. So und jetzt sei still und hör zu!“
Nahe der Räuberhöhle zog das Mädchen den Pelz aus, öffnete die Nuss und holte ein Kleid heraus, das wie die Sonne glänzte und zog es an. Und wie das geschehen war, ging sie hinein in die Höhle. Die Räuber, hochgeschreckt aus trunkenem Schlaf, geblendet von der glänzenden Erscheinung, gaben ihr, was sie begehrte, nämlich das Schwert des Prinzen. In der nächsten Nacht nahm sie aus der Nuss das Kleid, das so silbern war wie der Mond, und tat es an. Dann ging sie hinein in die Höhle und diesmal verlangte sie das Pferd des Prinzen. Auch das bekam sie ohne Widerstand. In der dritten und letzten Nacht zog sie das Kleid an, das wie der Sternenhimmel glitzerte und verlangte den Prinzen höchstselbst. Nun aber zögerte der Hauptmann, denn er sah sich um sein Lösegeld betrogen und da wollte er nicht gehorchen.
„So gebt worum gebeten wurde!“, forderte das Christkind, während es vom Himmel herabschwebte wie eine Schneeflocke, die Hände segnend erhoben. „Es ist Weihnachten und Frieden soll sein in Euren Herzen und Licht, das ich Euch bringe als Lohn!“ „Was soll das sein für ein Lohn, den man nicht essen und nicht sehen kann?“, murrte der Hauptmann und rührte sich nicht. „Los jetzt, holt den Prinzen“, befahl das Christkind, „ich hab nicht alle Zeit der Welt, zumindest heute nicht. Und was den Lohn angeht, Ihr werdet schon sehen, wie gut der ist.“ Seine Männer hatten indes den Prinzen, der sich kaum auf den Beinen halten konnte und schon bessere Zeiten gesehen hatte, schon herbeigeschafft. „So ist’s recht“, lobte das Christkind, „und fröhliche Weihnachten!“
Das Mädchen saß auf dem Pferd, sich und den schlafenden Prinzen in den warmen Mantel gehüllt, und schaute bekümmert um sich, denn sie wusste den Weg nicht. „Ich weiß den Weg aber“, wieherte das Pferd, trabte los und schon kurze Zeit später waren sie am Ziel.
„Öffnet das Tor für den Prinzen“, rief das Mädchen laut und noch während die Torflügel aufschwangen stürmten der König und seine Königin herbei, lachend und weinend vor Glück über die Heimkehr des Prinzen. Denn das war das herrlichste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten.

2011
WB 2011Weihnachten, das war nichts für ihn, nächstes Jahr vielleicht wieder, aber sicher nicht dieses Jahr. Er hatte einen Hund gewollt und den bekam er nicht. Er hatte auf eine Party gewollt, und das durfte er nicht. Kein Hund und keine Party und den Heiligen Abend lang zu Hause abhängen. Das war so ungerecht!
Und da hörte er das Fiepen. Es kam aus dem Keller. Er schnappte sich seinen Schlüssel, schlüpfte in Stiefel und Winterjacke und stieg die Kellertreppe hinunter. Die Tür nach draußen war auf und ein eisiger Wind wirbelte herein. Und was immer da gefiept hatte, es hatte sich angehört, als ob es Hilfe dringend benötigte. Wer würde keine Hilfe benötigen bei dem Sturm, der draußen tobte. Mit Mühe stemmte er sich gegen den Wind die äußere Kellertreppe hinauf. Mit der letzten Stufe ließ der Wind nach. Ein seidiger Schimmer lag auf dem Parkplatz. Mit kindlichem Vergnügen, stapfte er eine Runde durch die unberührte Schneedecke, einmal hin und wieder zurück. Aber seine Fußspuren liefen nicht auf ihn zu, wie sie es hätten tun sollen, sondern von ihm weg, was gar nicht sein konnte. Wieder hörte er das Fiepen, deutlicher drängender jetzt und so folgte er seiner Spur, denn das schien ihm in dieser Situation das einzig Vernünftige zu sein. Denn, wann immer er sich umdrehte, war da nichts, nicht ein einziger Abdruck im Schnee.
Plötzlich stand da eine funkelnde Mauer aus Eis, so fein und glänzend wie er es noch nie gesehen hatte. Er trat durch ein Tor und kam an den Rand eines zugefrorenen Sees, der war in tausend Stücke zersprungen und dabei war doch jedes Stück dem andern so gleich, dass es ein vollkommenes Kunstwerk war. Der zersprungene See hatte sich zu einem spitzen Hügel aufgetürmt und ganz oben saß eine schöne, silberne Frau, deren Haar, in einem für Julian unfühlbaren Wind, sanft hin- und her wehte.
„Was führt dich in mein Reich?“, fragte die Schneekönigin streng und Julian klirrte es bei ihren Worten in den Ohren. „Weiß nicht“, antworte Julian, „ist auch egal. Sagen Sie mir einfach, wo hier der Ausgang ist, und ich bin sofort wieder weg!“ „Ist ganz einfach“, antwortete sie mit ihrer klirrenden Stimme, „wenn du den Schlüssel hast, kannst du gehen.“ „Natürlich habe ich Schlüssel“, antwortete Julian und klopfte auf seine Hosentasche. „Aber wo ist die Tür?“
Diesmal fiepte es ganz laut, es musste ganz nah sein und Julian vergaß Frau und Heimweg. Keinen Schritt von ihm entfernt stand ein kleiner Hund, ganz still, steif und kalt, selbst in seinen Augen war kein Leben. Da weinte Julian, denn ihm war ganz elend vor Mitleid, denn das war genau der Hund, den er sich gewünscht hatte. Seine Tränen fielen auf das eisige Fell, drangen vor bis in das gefrorene Herz des Hundes. Das Leben kehrte zurück, der Hund schüttelte sich und sprang Julian auf den Arm und schleckte ihm quer übers Gesicht. Da lachte Julian laut vor Freude. „Rosen, die blüh'n und verwehen; Wir werden das Christkindlein sehen!“, stand auf seinem Halsband und als Julian die Worte laut vorlas, löste sich der eiskalte Bann, und die Schneekönigen verschwand.
Unversehens fand sich Julian an der Kellertreppe wieder, das Hundchen im Arm. Seine Eltern, die wohl gerade zurückgekommen waren, bückten sich unter das Auto.
„Was sucht ihr denn?“ fragte Julian und ging näher. Seine Mutter mit roten Flecken im Gesicht, schien verzweifelt. „Dein Weihnachtsgeschenk ist ausgebüxt.“ „Meinst du das da?“, fragte er lachend, denn ihm wurde gerade einiges klar. „Ja! Ja! Ja!“, rief die Mutter, „wo hast du das Hundchen denn gefunden?“ „Ich …“, begann Julian. „Da hinten, gleich neben der Tonne.“ Er lachte. „Die Überraschung ist euch wirklich gelungen, vielen Dank und fröhliche Weihnachten.“

2012
2012 sOh weia, dachte das kleine weiße Häschen und hoppelte schnell unter eine Werkbank. Was für ein Durcheinander! Berge von Kartons und Papier, Bändern und Schleifen lagen in wilder Unordnung auf Boden und Tischen. Wichtel hüpften schnell und Engelchen flatterten wild mal hierhin und mal dorthin.
So eine Unordnung herrscht bei uns aber nicht, dachte das kleine weiße Häschen und wackelte mit den Ohren. Dabei streifte es einen überhängenden Pinsel und eine Ladung Goldstaub rieselte herab. Das kleine weiße Häschen schüttelte sich und bewunderte sodann seine goldbestäubten Ohren in einem Stückchen Spiegelfolie. Plötzlich wurde es geschnappt und in eine Schachtel gestopft.
„Halt!“, rief es laut und empört, „so geht das nicht, ich bin doch kein Geschenk!“ Der Wichtel, der das Häschen am Schlafittchen gepackt hatte, ließ es vor Schreck fallen und das Häschen plumpste auf den Po. „Und was macht du dann hier?“, fragte einer der großen Engel, die hier die Aufsicht hatte, was deutlich an der Mütze zu erkennen war. „Oh, ich wollte doch nur die Weihnachtswerkstatt besichtigen“, murmelte das kleine weiße Häschen verschreckt, denn der Engel machte ein gar grimmiges Gesicht. „Wir brauchen keine Besucher“, brummelte der Engel, „aber wenn du schon da bist, dann kannst du dich gleich nützlich machen. Gerade eben hat jemand die Fenster aufgemacht und ein Wind fegte durch die Werkstatt und jetzt ist alles durcheinander!“ Das kleine weiße Häschen nickte. „Die Geschenke müssen verpackt und das goldene Raumschiff muss beladen werden!“ „Ja, ja“, sagte das kleine weiße Häschen mit großer Begeisterung. „Ich mach’ mich sofort an die Arbeit!“ Eins ums andere wurde jedes Geschenk in ein Päckchen gesteckt, verpackt und geschmückt und mit einem Aufkleber versehen. Das kleine weiße Häschen gab sich sehr viel Mühe und bald hatte es einen beachtlichen Berg an fertigen Geschenken fein säuberlich aufeinandergestapelt. Die hüpfenden Wichtel und flatternden Engelchen beruhigten sich und machten sich wieder an die Arbeit und so dauerte es nicht lange, bis alle Geschenke verpackt und ins goldene Weihnachtsraumschiff verladen waren.
Nachdem nun alle Arbeit getan war, ließen sich das Häschen und die Engelchen und Wichtel in der Weihnachtsbäckerei die übrig gebliebenen Plätzchen schmecken. Da nahm der große Engel das kleine weiße Häschen vorsichtig auf die Hand. „Du hast uns gut geholfen“, sprach er, „als Dank hast du einen Wunsch frei.“ Da brauchte das kleine weiße Häschen nicht lange überlegen. „Ich möchte so gerne Flügel haben”, sagte das Häschen und bekam vor Aufregung ein ganz rotes Näschen. “Kleine flauschige Flügel mit goldenen Spitzen, so wie meine Ohren.” „Das sollst du gerne haben“, sagte der Engel, erfüllte ihm seinen Wunsch und schickte es wieder nach Hause.
Am Weihnachtsabend gab es großes Gelächter dann und wann, denn einige Päckchen waren mit geflügelten weißen Häschen verziert und mit Ostereiern gefüllt.

2013
WB 2013„Ja, ja!“ schrie die Königin, „fröhliche Weihnachten allerseits!“ Sie strahlte übers ganze Gesicht und wirbelte im Kreis herum. Die Hofdamen jedoch schauten bekümmert. Der Haushofmeister tat, was er seit Wochen mehrmals täglich tat: Er führte sie zum Fenster und sprach:“ „Schau hinaus, meine Königin, es ist erst Herbst, die Ernte wird eingebracht. Bis Weihnachten ist`s noch weit!“ Die Königin blickte hinaus. Ihr Gesicht, ja ihr ganzer Körper überzog sich schlagartig mit tiefer Traurigkeit. Ihre Augen schimmerten von aufsteigenden Tränen. Sie drehte sich um und ging mit schleppenden Schritten zu ihrem Thron. Dort saß sie stumm und still, bis die falsche Fröhlichkeit sie wieder auf die Beine trieb.
„So geht das nicht weiter“, sprach die Ministerin für Sicherheit zum Haushofmeister, „die Regierungsgeschäfte liegen lahm und das Volk wird unruhig, weil die Königin sich nicht mehr zeigt.“ „Es hat angefangen nach dem Mittsommerfest“, sagte der Haushofmeister. Die Ministerin nickte ernst. „Es gibt jetzt nur noch eine Person, die helfen kann.“ „Das kannst du nicht tun“, widersprach der Haushofmeister.“ „Doch!“ entgegnete die Ministerin, „ich kann und ich muss! Das Königreich ist in Gefahr!“ „Dann muss es sein!“, antwortete der Haushofmeister und nickte. Die Ministerin gab ihm ihr Siegel und einen Klaps auf die Schulter und sagte. „Nun denn, oh Haushofmeister, so reite los und bring die verbannte Fee an den Hof zurück.“
Am dritten Tag erreichte er die nördliche Landesgrenze, wo die Fee seit ihrer Verbannung leben musste. „Haushofmeister!“, rief die Fee, „was für eine schöne Überraschung, ich habe nicht viel Besuch hier draußen.“ Sie umarmte ihn herzlich uns sah ihn fragend an: „Sie ist krank, nicht wahr?“, fragte die Fee. „Kannst du sie heilen?“ fragte der Haushofmeister. „Ja“, antwortete die Fee, „aber ich kann das Haus nicht verlassen, ich bin verbannt durch königliche Macht.“ Der Haushofmeister lächelte und hob mit dem Siegel der Ministerin die Verbannung auf. „Endlich!“ rief die Fee, „kann ich diesen öden Wald verlassen!“ Sie begrüßte das Pferd, flüsterte ihm ins Ohr, schwang sich vor den Haushofmeister in den Sattel und nahm die Zügel. Und das Pferd rannte los, so schnell, schneller als der Wind und bei Einbruch der Nacht erreichten sie das königliche Schloss.  
Die Fee holte flugs ihre Medizinflasche hervor und flößte der Königin einen kräftigen Schluck ein. Die Hofdamen, die Ministerin und der Haushofmeister hielten die Luft an. Die Fee zählte im Stillen. Bei „zehn“ richte die Königin sich auf und fragte: „Was ist los Was starrt ihr mich so an?“ „Oh unsre liebste Königin“, riefen alle, „du bist wieder gesund!“ Noch zwei weitere Löffel voll musste die Königin schlucken. „Das hilft“, erklärte die Fee, „Freude und Pflicht ausgeglichen zu halten. Zu viel Ernst ist nicht gesund.“ Die Königin nickte. Und lächelte, das erste Mal seit langem wieder.
Am Weihnachtsabend dann, als er wirklich gekommen war, und Schnee in großen Flocken vom Himmel fiel, trat die Königin hinaus auf den Balkon, winkte und lachte und sang gemeinsam mit ihrem Volk die alten Weihnachtslieder, bis es Zeit war hineinzugehen und die Kerzen anzuzünden.

2014
WB 2014“Wo sind die Delfine?”, rief Charline. Sie trug einen Beutel in der Hand, darin zappelten frische Heringe, die waren noch ganz lebendig. Sie lief erst um das äußere Delfinbecken, dann um das innere. „Karlchen wo bist du?“ Karlchen war der kleinste der Delfine und ihr ganz spezieller Freund und er liebte Heringe über alles. Oh Karlchen, dachte sie, wo seid ihr nur? In der Unterkunft der Delfinwärter war auch keiner, nur das Radio spielte Weihnachtsmusik. Weiter ging’s zum Büro des Zoodirektors und ja, dort waren sie alle: die Wärter, der Direktor, die Tierärztin, der Wachschutz und sogar die Polizei. Das Büro war voller Menschen. Sie zog hier an einem Ärmel, trat da gegen ein Bein, aber alle redeten wild durcheinander und beachteten Charline nicht. „Wo sind die Delfine?“, schrie sie so laut sie konnte und stampfte mit den Füßen. „Wo sind die Delfine?“
„Liebes Kind“, antwortete der Zoodirektor nun, „wir wissen es nicht, niemand weiß es. Heute Morgen waren sie einfach fort, so, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.“ Er sah Charline an und machte ein bekümmertes Gesicht. Dann wandte er sich wieder denn anderen zu und wieder redeten alle wild durcheinander.
Charline stellte die Heringe auf den Tisch des Direktors, tätschelte sie sachte und weinte ein bisschen, weil die Delfine fort waren. Plötzlich platzte der Beutel auf und sämtliche Heringe flutschten heraus. Eingehüllt in eine Röhre aus Wasser drehten sie einen Doppel-Looping und sprangen ins Meer, das sich kräuselte und spritzte. Und dann war das Meer wieder ein Foto in einem Rahmen auf dem Schreibtisch des Direktors. Ein wenig Wasser war herausgeschwappt und ja, es schmeckte salzig. Sie hielt den leeren Beutel hoch, kein Tropfen Wasser war mehr darin.
„Das kann doch gar nicht sein?“, flüsterte sie fassungslos.
„Und doch kann das sein“, sagte eine Stimme hinter ihr, „heute ist doch Weihnachten!“ Charline drehte sich um und im Chefsessel des Direktors saß das Christkind und grinste breit. Es hatte einen grauen Geschäftsanzug an und einen Hut auf dem Kopf. „Du hast mich erkannt“, sagte das Christkind, „nicht wahr, Charline? Die Heringe haben mich auch erkannt und sie wollten so gerne ins Meer. Also, wenn das kein schönes Weihnachtsgeschenk ist, was dann?“
„Da hast du die Heringe ganz schön reingelegt“, empörte sich Charline, „das ist doch nur ein Foto.“
„Nein, nein, sie sind wirklich im Meer“, versicherte das Christkind, „in der Nordsee um genau zu sein, willst du es ausprobieren?“
„Ha!“, sagte Charline, „was ist denn das für ein Quatsch, was soll ich denn in der Nordsee und überhaupt…“ Sie hörte mitten im Satz auf und fing herzlich an zu lachen und das Christkind lachte mit.
„Du hast die Delfine auch in die Nordsee springen lassen? Ja?“, sagte Charline. „Sie wollten so gerne frei sein, das haben sie sich schon lange gewünscht. Und jetzt sind sie weg und kommen nie wieder?“
„Genau so“, antwortete das Christkind, „aber die Delfine wollten nicht in die Nordsee, sie sind ins Karibische Meer gesprungen, dort ist das Wasser ganz wunderbar und Karlchen schickt dir herzliche Weihnachtsgrüße.“ „Au fein!“ rief Charlotte ganz aufgeregt, „das ist wirklich prima. So ist es richtig. Weihnachten in der Karibik ist richtig fein für Delfine!“

2015
KBAEs ging auf Mitternacht zu, die heilige Nacht neigte sich dem Ende entgegen. Es war still im Haus, alle schliefen tief und fest. Einzig Olf war noch wach. Er saß auf dem Fensterbrett und presste seine kleine Nase an die Scheibe. Den ganzen Abend hatte es geregnet, jetzt aber fiel der Schnee in großen Flocken.
Olf war ein geborener Küchenbadong. Normalerweise spielte der Geburtsort keine Rolle, für ihn aber schon, denn er konnte die Küche nicht verlassen. Ihm fehlte das gewisse Etwas, das die anderen Badongs befähigte, Türen zu öffnen und mit Spielsachen mächtig viel Spaß zu haben. Olf war deswegen immerzu auf Hilfe angewiesen.
Da entdeckte er eine goldene Glitzerkugel inmitten des Schneegestöbers, die schnell größer wurde und direkt auf ihn zuflog. Sicherheitshalber hüpfte er hoch auf die Vorhangstange, denn die goldene Kugel würde im nächsten Moment auf die Fensterscheibe krachen. Doch die Scheibe zersplitterte nicht, es gab lediglich ein windiges Geräusch, als das Fensterglas eine Öffnung bildete, durch die die goldene Kugel in elegantem Bogen hereinflog.
„Hallo Olfi“, sagte da ein zartes Stimmchen, „brauchst dich nicht zu fürchten! Ich bin’s doch bloß.“ Neugierig sprang Olf wieder zurück aufs Fensterbrett. „Wow!“ rief er verblüfft, denn da stand ein goldenes Raumschiff. „Da staunst du, was Olfi?“, sagte das Christkind und lachte breit übers ganze Gesicht. „Was willst du?“, fragte Olf unwirsch. Dass er Olfi genannt wurde gefiel ihm gar nicht. Und überhaupt: All die Jahre zuvor war es auch nicht gekommen, und jetzt tat es so, als wäre nichts gewesen. „Mach nicht so ein Gesicht, Olf“, entschuldigte sich das Christkind. „Es ging nicht eher. Aber jetzt komm mit rein, ich habe die Wisslichkeitsmaschine mitgebracht, sie war viele Jahre kaputt, nun funktioniert sie wieder. Du bist der erste, der sie benutzen darf!“ Da grinste Olf dann doch und ging mit. Die Wisslichkeitsmaschine sah genauso aus, wie er sie sich immer vorgestellt hatte. „Bereit?“, fragte das Christkind. „Bereit!“, antwortete Olf und streckte beide Hände hinein.
„Oh, was für ein schöner Traum!“, rief Olf als er erwachte. „Wenn es doch nur eine Wisslichkeitsmaschine gäbe!“ Sehnsüchtig betrachtete er das schöne neue Motorrad, das unterm Weihnachtsbaum stand und auf ihn zu warten schien. Wenigstens einmal draufsitzen, dachte er und schwang sich in den Sattel. Da erfüllte plötzlich ein herrlicher Duft das Zimmer. Olf bekam so eine Ahnung und drückte beherzt auf den Startknopf. Er kreischte vor Vergnügen als das Motorrad zum Leben erwachte und davonbrauste, hoch und runter, raus und rein und die Türen öffneten sich und alles war genau so, wie es sein sollte. „Oh wie schön!“; sang er laut und „oh wie herrlich ist die Weihnachtszeit!“
Zeichnung von Colin Bühler

2016
WB 2016„Ich kann nicht mehr!“ schrie Migge, stampfte mit den Füßen und raufte sich die Haare. „Ich kann es nicht mehr sehen, nicht mehr hören und nicht mehr riechen! Seit Monaten nichts als Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten. Wie soll man sich denn da noch weihnachtlich fühlen, wenn es endlich soweit ist?“ Die anderen Weihnachtswichtel bildeten einen Kreis um den tobenden Migge und wunderten sich sehr. „Ich kann nicht mehr“, schluchzte Migge, nun ganz leise und erschöpft, „ich brauche Urlaub!“ „Urlaub?“ mischte sich das Christkind ein, „das kann ich gut verstehen. Braucht sonst noch jemand Urlaub?“ Doch außer Migge hatte keiner das Bedürfnis nach Urlaub.
„Dann komm“, sagte das Christkind, „wir drehen eine Runde mit dem goldenen Raumschiff.“ Migge blieb vor Staunen der Mund ganz weit offen stehen: eine Reise mit dem goldenen Raumschiff! Das war so großartig! Migge lachte und freute sich so sehr, dass er fast von der Leiter gefallen wäre beim Einsteigen. Im Weltall angekommen klebte Migge mit der Nase an der Scheibe und staunte, denn es war so großartig da draußen, so weit, so still, so einsam und es gefiel ihm so gut.
Plötzlich tat es einen mächtigen Ruck, das Raumschiff stoppte und Migge fiel auf den Hosenboden. „Achtung! Schwerwiegende Dimensionsfalle!“ meldete der Bordcomputer. Migge wurde ganz schwindlig vor Angst. „Integrität der Hülle verletzt! Drache an Bord!“ schnarrte die Stimme weiter. Migge fiel fast in Ohnmacht. Wie aus dem Nichts erschien ein 12köpfiger Drache der fürchterlich stank und an dem der Schmadder heruntertropfte. „Gibt mir alles was du hast!“, brüllte der Drache mit seinen 12 Mäulern, „sonst fress’ ich dich.“ „Ich habe nichts“, flüsterte Migge, „wirklich nicht!“ „So fress‘ ich dich sogleich!“, brüllte der Drache und packte Migge mit zweien seiner Mäuler, eins rechts, eins links und hob ihn hoch. Das war nicht einfach, denn obwohl Migge recht klein war, so war der Drache doch nicht viel größer. Er schüttelte ihn und rüttelte ihn, wirbelte ihn bald nach oben, bald nach unten und Migge war so entsetzt, dass er noch nicht einmal mehr Angst verspürte. Nun war Migge aber so vollgestaubt mit Weihnachtszauber wie es ein Weihnachtswichtel nur sein kann. Und wie der Drache ihn so rüttelte und schüttelte fiel der ganze Zauber von ihm ab, legte sich auf den Drachen nieder und verlieh diesem einen goldigen Glanz. Das beruhigte den Drachen, er ließ Migge wieder los und fing ganz plötzlich an zu lachen.
„Jetzt erinnere ich mich!“ rief der Drache. „Das ist das Schiff von diesem Kind? Nicht wahr? Das hat mich vor einiger Zeit schon mal drangekriegt mit seinem Zauber! Wo ist es denn?“ „Hier bin ich!“ rief das Christkind und krabbelte unter einer Decke hervor, dort hatte es tief und fest geschlafen und den ganzen Radau verpasst. „Hey Drache!“ sagte es nun, „geht es dir gut?“ „Jou, ganz prima, jetzt!“, sagte der Drache und grinste breit mit seinen 12 Mäulern. „Kommt mit, ich habe Glühwein auf dem Feuer!“ „Geht leider nicht!“, antwortete das Christkind, „es weihnachtet schon sehr, und wir haben noch einiges zu erledigen.“ „Wohlan! Hinfort mit euch!“, sprach der Drache und öffnete die Dimensionsfalle, „und kommt bald wieder, ihr seht ja was passiert, wenn der Weihnachtszauber verblasst.“

2017
wb 2017 s„Oh! Schau nur Mama! Schau!“ rief Sani. „Hat geschneit! Ist alles weiß und weich! Der Baum, schau nur, wie der glitzert, so schön!“
„Nicht so laut!“ ermahnte die Mama, trat dazu und schaute ebenfalls hinaus. „Ist wunderschön. Nun aber ab ins Nest, ist mitten in der Nacht.“
Gleich nach dem Aufwachen schlüpfte Sani hinaus und betrachtete den glitzernden Baum. Schließlich ging sie hinein, setzte sich abseits von den anderen und dachte nach.
„Mama!“ rief Sani nach einer Weile, „wir sollten einen Baum haben! Das wäre doch schön!“
„Ja, das wäre es“, antwortet die Mama und schüttelte bedauernd den Kopf, „aber werden wir nicht.“
„Warum nicht?“ fragte Sani und plusterte sich auf. „Die da drüben haben auch einen!“
„Genau! Die da drüben! Das sind Menschen, und wir hier, wir sind Hühner “, erklärte die Mama. „Aber Weihnachten ist für alle, nicht nur für Menschen!“ widersprach Sani.
„Schluss“, rief die Mama sichtlich erbost. „Schluss mit dem Unsinn! Hühner hatten noch nie einen Baum und werden auch nie einen haben!“ Und das werden sie doch, beschloss Sani und lief los.
Bald schon kreuzte sie den Weg der Katze. Diese fackelte nicht lange und schnappte sich das Küken. Sani strampelte und zappelte und brüllte, sie müsse dringend in den Wald, worüber die Katze so heftig lachte, dass Sani aus dem Maul plumpste und weiterlaufen konnte. Bald sah sie die ersten Bäume, und die waren so riesig! Da schlich der Fuchs heran und drückte das Küken mit der Pfote zu Boden. Sani strampelte und zappelte und brüllte, sie müsse dringend einen Tannenbaum holen. Darüber lachte der Fuchs so kräftig, dass er Schluckauf bekam und das Küken losließ. Sani rannte weiter und in den Wald hinein.
Da und dort standen sogar kleine Tannen, doch schief und krumm, mit nur wenigen Zweigen. Die Größe wäre schon die richtige, aber die Form so gar nicht, dachte Sani und war ein wenig enttäuscht von diesem Wald. Und wie sie so von einem Bäumchen zum anderen lief, bis sie endlich das Richtige gefunden hatte, war sie immer tiefer in den Wald hineingeraten. Sie drehte sich hierhin und dorthin, aber egal wohin sie auch schaute, alles sah gleich aus.
Nun war dies genau der Weihnachtstag, und so war es nicht verwunderlich, dass bald hinter den Tannenwipfeln ein Goldenes Leuchten erschien, das schnell näher kam und sanft im Schnee landete.
„Einen schönen Baum hast du da gefunden! Hast dich wohl verlaufen, was?“ fragte das Christkind und kam lächelnd aus der Luke des goldenen Raumschiffs geklettert. „Soll ich dich nach Hause bringen?“
„Das wäre ganz prima!“ antwortete Sani und flatterte aufgeregt mit den Flügeln. „Aber der Baum kommt mit!“
„Aber ja doch!“ versicherte das Christkind. „Jetzt komm rein. Ich hab‘s ein wenig eilig!“
Gemeinsam trugen sie das Bäumchen in den Stall, doch die anderen Hühner merkten nichts. Dann schnippte das Christkind mit den Fingern und die Hühner rissen vor Staunen die Äuglein weit auf. Da stand das Christkind und die kleine Sani und der kleine Weihnachtsbaum, der genauso geschmückt war, wie Hühner einen Baum geschmückt hätten, hätten sie je einen gehabt.
„Weihnachten im Hühnerstall!“ riefen alle entzückt. “Ach wie ist das wundervoll!“ Und Sani freute sich am allermeisten.
Zeichnung von Anna Krüger Barria

2018
KugelfensterflügeldingsDer Baum war geschmückt, die Geschenke lagen hübsch verpackt darunter. Der Tisch war hübsch gedeckt und der Braten schmurgelte im Ofen. Alles war fein und schön, so wie jedes Jahr um diese Zeit. Doch etwas fehlte. Tine überlegte hin und überlegte her, schaute hierhin und dorthin; aber alles war genauso, wie es sein sollte. Sie griff nach der Schachtel mit den Streichhölzern; es würde sicher helfen, die Kerzen anzuzünden.
Genau in diesem Augenblick wurde Tine von einem Leuchten vor dem Fenster nach draußen gelockt. Warm angezogen, den Wanderstab fest in der Hand, stapfte sie los. Es stürmte, der Schnee lag hoch, das Gehen war mühsam, doch umzudrehen kam nicht in Frage. Was auch immer da leuchtete und wo auch immer es war, Tine musste dorthin. Wie sie so ging, gelangte sie in einen Teil des Waldes, den sie sonst mied, denn hier hausten die Wilden Trolle, doch es half nichts, sie musste weiter, trotz aller Angst. Zu ihrem Glück trieb sich jedoch kein Troll im Wald herum. Weiter ging sie und weiter und gelangte schließlich zum Steingarten der Riesenzwerge. Zum Glück war kein Zwerg zu sehen, denn sie war am Ziel angekommen, ganz eindeutig:
In einer der Felsspalten steckte eine Kugel, die leuchtete ganz samtig und golden. Das war es, weswegen sie den weiten Weg gegangen war. Tine trat näher und entdeckte, dass Kugel ein Fenster war. Noch näher heran ging sie und be-merkte hinter dem Fenster ein winziges Kind, das winkte und hopste, gerade so als wolle es Tine sagen, sie solle die Fensterkugel herausziehen. Das tat Tine sogleich, aber so sehr sie auch zog und zerrte, sie konnte nichts bewegen. Da kann nur eine helfen, dachte Tine und warf einen Apfel in die Höhe.
„Du hast gerufen,“ sprach die Gute Fee, „und da bin ich!"
„Oh Liebe Gute Fee,“ bat Tine, „kannst du dieses Kugelfensterdings aus dem Felsspalt holen?“
Die Fee nickte, schwang ihren Feenstab und schon schwebte das Kugelfensterdings frei in der Luft. Während es gemächlich zu Boden sank, veränderte es sich, bekam Ausstülpungen aller Art und wurde größer und größer.
Als die Verwandlung abgeschlossen war, öffnete sich das goldene Fenster und ein herrlicher Duft strömte heraus: nach Zuckermandeln & Lebkuchen, nach Rosenwasser & Sandelholz, nach Tannengrün & Bratäpfeln. Dazwischen schwebte ein wunderbarer Segen, der die Herzen aller Wesen froh und friedlich stimmte. Das war das Beste an Weihnachten überhaupt und die reinste Pracht. Tine und die Fee standen da, und sogen den Weihnachtszauber tief in sich hinein. Ah, dachte Tine beglückt, das war es, was vorhin gefehlt hatte.
„Fröhliche Weihnacht!“ sprach das Kind und lächelte goldig. „Ich bin abgestürzt, leider, erst ein Navigationsfehler, dann ein Zusammenbruch des Transwarp-Slipstreams, durch Umleitung der Quantensingularität in die Schildmodulation blieb beim Aufprall die strukturelle Integrität stabil. Auch der Fels blieb erhalten, nur das Schiff verkeilte sich. Vielen Dank für die Hilfe!“
Tine und die Gute Fee lächelten verwirrt, denn sie verstanden kein Wort, wohl aber erkannten sie, wen sie vor sich hatten.
„Doch nun muss ich weiter, auf Wiedersehen und gehabt euch wohl!“ Das Christkind winkte noch einmal, dann schloss es die Fensterluke und das Kugelfensterflügelsdings schoss pfeilgerade nach oben, wurde kleiner und kleiner und war schließlich verschwunden.
Eine Weile noch standen Tine und die Fee und schauten in den Himmel. Dann wurde ihnen kalt und mit einem Feenstabschwenk brachte die Fee sei beide zu Tines Häuschen.Da saßen sie nun in der warmen Stube und lachten und sangen und ließen es sich gut ergehen und feierten ein fröhliches Fest.
Zeichnung von Anna Krüger Barria

2019
WB 2019Am Marktplatz gab es seit jeher einen Kaufladen, wo man jederzeit alles bekam, was man brauchte. Er gehörte Emma Emmrich und die Kinder sagten Tante zu ihr. Sie war so beliebt, dass sie jeden Weihnachtsabend eingeladen wurde, jedes Jahr von einer anderen Familie.

Der Tisch war festlich gedeckt, die Kinder plapperten aufgeregt, die Erwachsenen lächelten still.
„Liese!“, rief Paul, „bring die Suppe!“
„Nein“, bestimmte Renata, „wir warten auf Emma! Dieses Jahr kommt sie zu uns.“
„Ich habe Emma nicht eingeladen“, antwortete Paul mürrisch, „sie soll bleiben, wo der Pfeffer wächst! Liesel, bring die Suppe!“
„Wie kannst du nur?“, schimpfte Renata, „los, Karlchen, lauf schnell und hol sie.“
„Sie ist nicht da!“, rief Karlchen ziemlich außer Atem, „der Laden ist dunkel und ganz leer.“
„Lasst uns essen, bevor alles kalt wird“, brummte Paul.
„Los Karlchen!“, sagte Renata, „lauf zu Doro, sie hat einen Schlüssel, sag allen Bescheid, wir müssen Emma suchen, irgendwo muss sie ja sein!“ Karlchen nickte ernsthaft und rannte wieder los.
„Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt?“, empörte sich Paul, „so ein Theater, sie wird fort sein, jetzt wo wir den Supermarkt haben.“
„In Emmas Laden“, erklärte Renata würdevoll, „gibt es alles, was ich brauche, doch der Supermarkt ist voll von Dingen, die ich nicht brauche, davon wird mir ganz wirr im Kopf.“ „Ach Frau“, seufzte Paul, „reg dich nicht auf, setz dich und Liese soll endlich die Suppe bringen.“
Renata schüttelte den Kopf und sah traurig auf ihren Mann. „Liese,“ sagte sie zu Liese, die stumm in der Ecke gewartet hatte, „du weißt, was zu tun ist?“ Liese nickte und lächelte. „Kinder, geht Liese zur Hand, wir gehen zum Laden. Paul, kommst du mit?“ Doch der schüttelte nur den Kopf und tippte mit dem Finger an seine Stirn. „Liese“, sagte Renata, „gib Paul von der Suppe, bevor du gehst, er soll nicht hungern in dieser Nacht!“

Von allen Seiten kamen die Leute zum Marktplatz, bepackt mit diesem und jenem. Ratlos schauten sie sich an. Im Laden war alles dunkel. In der Ferne flackerte die Leuchtreklame des Supermarktes wie ein vom Himmel gefallener Stern. Doro öffnete die Tür und einer nach dem anderen trat ein. Ein Tannenbaum stand wie vergessen in einer Ecke, daneben der Sessel, in dem Emma saß und strickte, wenn keine Kundschaft zu bedienen war.
„Also los!“, befahl Doro und schnippte mit dem Finger, „deckt den Tisch, stellt Stühle dazu, schmückt den Baum, zündet die Kerzen an, macht schnell, damit das Essen nicht kalt wird.“ Die Kinder und auch die Erwachsenen bekamen große Augen und dann machten sie schnell, was Doro ihnen aufgetragen hatte.

Da tat es einen lauten Rums, der alle erschrocken innehalten ließ. Es roch sehr kräftig nach Pfeffer, jemand nieste sehr heftig und erhob sich aus dem Sessel.
„Tante Emma!“ rief Karlchen, „du bist wieder da, wie schön, wo warst du nur?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete Emma und runzelte die Stirn, „ich kann mich nicht erinnern, doch nun bin ich wieder da und das freut mich so sehr!“
In diesem Augenblick bimmelte die Ladentür. Es war Paul, der ein zerknirschtes Gesicht machte und sich nicht so recht hereintraute. „Paul, komm rein“, rief Emma fröhlich, „jetzt kann das Fest beginnen, jetzt ist wirklich Weihnachten!“




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